• PAWS' NEW LIFE

Darf ich vorstellen: Flimm der Glückliche (Teil 1)

Flimm strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Ich nehme seinen Kopf vorsichtig in meine Hände. Flimm entspannt. Er genießt regelrecht die Berührungen, wirkt glücklich und zufrieden. Im Gegensatz zu anderen Hunden an diesem Tag, sucht Flimm intensiven Blickkontakt. Während Harry und Betty wie aufgedreht Richtung Wiese stürmen, bleibt Flimm an meiner Seite. Zum ersten Mal beschleicht mich das Gefühl: wir gehören zusammen. Gut, auch denkbar, dass ich nicht der Einzige bin, der mit der bulgarischen Hitze von über 30 Grad im Schatten zu kämpfen hat.


Seit einem Jahr lebt der Collie-Mix Flimm in einem abgelegenen Tierheim in der Nähe von Sofia, Bulgarien. Seine Verfassung: überschaubar. Seine Augen sind stark entzündet. Sein linker Hinterlauf wirkt verdreht und schwach. Wie gravierend seine Verletzung tatsächlich ist, erfahren wir erst Tage später. Er scheint Schmerzen zu haben, zumindest versucht er das lädierte Beinchen so gut es geht zu schonen. Was war passiert? Flimm wird - wie so viele Hunde vor ihm - als Welpe auf der Straße ausgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt geht es für ihn ums Überleben, kauernd am Straßenrand, hungerleidend, ängstlich und einsam. Doch Flimm hat Glück. Schon bald werden tierliebe Menschen eines nahegelegenen Dorfes auf ihn aufmerksam.


Tag für Tag bringen sie ihm Essensreste vorbei, die Flimm vor dem Verhungern retten. Er baut schnell eine Beziehung zu seinen Wohltätern auf, und große Dankbarkeit. Mit seiner ruhigen, aber gleichermaßen zutraulichen Art gewinnt er die Herzen seiner Versorger. An einem schicksalhaften Tag in 2019 ändert sich sein Leben schlagartig. Beim Überqueren einer Schnellstraße wird Flimm von einem heranfahrenden PKW erfasst. Das Auto trifft den wehrlosen Hund und schleudert ihn auf den Seitenstreifen. Wie sich erst jetzt herausstellt, zertrümmert der Aufprall seine Hüfte vollständig. Aber Flimm - zu dem Zeitpunkt nur Haut und Knochen - überlebt. Man kann nur erahnen, welche Schmerzen er ertragen muss, auch weil sich die Bewohner des Dorfes keine medizinische Versorgung für ihn leisten können. Flimm lernt von diesem Moment an, mit den Schmerzen zu leben.

Einige Monate später klingelt in einem Tierheim in Pernik, einem Vorort von Sofia, das Telefon. Die ehrenamtliche Helferin bekommt den Auftrag, einen höchst aggressiven, frei laufenden Hund einzusammeln. Es ist Flimm. Als sie ihn abholen kommt, leistet er keine Gegenwehr. Er zeigt auch keinerlei Anzeichen von Aggression. Später erfahre ich, dass es eine Vielzahl solcher Anrufe gibt, die einen Straßenhund als "aggressiv" und "gefährlich" melden. Oftmals bewahrheiten sich diese Attribute nicht. Interessant, es scheint also leider nicht nur tierliebe Menschen zu geben. Wir wissen nicht ganz genau, ob oder was genau vorgefallen ist. Später finden wir allerdings heraus, dass er bei starker Berührung seiner lädierten Hüfte vor Schmerz aufjault, bellt und kurz die Zähne fletscht - möglich, dass ihm das zum Verhängnis wurde. Ohne sich von seinen Bezugspersonen verabschieden zu können, wird Flimm ins Tierheim gebracht. Im Auto sackt er vor lauter Stress in sich zusammen.


Als Flimm aufwacht, haben sich seine Lebensverhältnisse deutlich verändert. Mit 8 weiteren Hunden sitzt er in einem 2-3 qm großen Zwinger, nur ein kleines Häuschen schützt die 4-Beiner vor Wind und Wetter. Seine Hüfte bleibt unbehandelt. Was Flimm bis heute auszeichnet: er ist ein unfassbar genügsamer Hund. Insgesamt ein Jahr lebt er mit Schmerzen, nutzt sein viertes Beinchen nur noch in Ausnahmefällen und akzeptiert die Situation wie sie ist. Er hat keine Wahl. Auch die geringen Auslaufzeiten scheinen ihn nicht nachhaltig zu verstören. Im ehrenamtlich geführten Tierheim kommt jeder Hund auf ca. 20 Minuten Auslauf - pro Woche. Grund: zu viele Hunde und zu wenig Helfer.


Umso erstaunlicher, dass Flimm immer noch bei mir sitzt und mir tief in die Augen schaut. Als wenn er sagen würde: Mensch, danke, dass Du bei mir bist...

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